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Collage 60x Presseball

60x Lübecker Presseball – eine Retrospektive von Sabine Räth

Der Lübecker Presseball

Ob am Ostseestrand, am Traveufer, zwischen Roulettetischen, unter Jugendstildecken oder vor Bürgermeisterportraits: Der Verein Lübecker Presse feiert seine Gala-Nacht mit vielen Gästen und immer für den guten Zweck.

Unter funkelnden Kristalllüstern, umweht von zartem Fliederduft und im Dämmerlicht der Juwelen-Bar erlebten 1952 rund 1300 Gäste das glanzvollste Fest nach Kriegsende. Mit dem Presseball im Kurhaus Travemünde wurde zugleich eine Tradition wiederbelebt, die 26 Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte: Der Verein Lübecker Presse wollte fröhliches Feiern und die gute Tat miteinander verbinden, bei Wohltätigkeitsbällen Geld sammeln für Menschen auf der Schattenseite des Lebens.

Viele Stars kamen fortan für die gute Sache in die Hansestadt. Stummfilm-Diva Henny Porten, Kammersänger Lauritz Melchior oder Pat & Patachon feierten mit der Lübecker Prominenz und vielen Tanzbegeisterten – erst im Städtischen Saalbau, den heutigen Kammerspielen, dann im Hindenburghaus am Burgfeld. Nur die Schauspielerin Frieda Benkhoff folgte der höflichen Einladung an die Trave nicht: „Fehlte unentschuldigt“ heißt es ein wenig verschnupft in den Ballnotizen von 1926. Schon fünf Jahre später wurde eine Viertelstunde des Festprogramms im Rundfunk übertragen, 1933 gaben die Comedian Harmonists den Takt für den Lübecker Presseball vor. Bereits im Jahr darauf senkte sich ein dunkler Vorhang über das festliche Treiben unter den sieben Türmen.

1952 taten sich die Bezirksgruppe Lübeck des schleswig-holsteinischen Journalistenverbandes und die Bühnengenossenschaft des Stadttheaters zusammen, um die Neuauflage des Presseballs im Kurhaus zu veranstalten. Ein Meer von weißem Flieder empfing am 1. März die Feiernden, allen voran die Schauspielerinnen Ruth Leuwerik und Ida Ehre, Letztere in teefarbener Spitze mit Perlmutt-Pailletten. Auch Max Schmeling war der Einladung an die Trave gefolgt – um dann ständig auf der Hut zu sein vor tanz- und trinkwilligen Damen, die den Stargast im Visier hatten. Seine Ausweichmanöver waren vorbildlich. Auch wenn er vier Jahre nach seinem Karriereende noch in Topform war: Ein ganzer Abend auf dem Parkett oder mit einem Glas in der Hand hätte auch einen ehemaligen Box-Weltmeister umgehauen. Und der Abend war wirklich sehr lang: Bis morgens um 7 Uhr dauerte der Ball, der letzte gestrandete Gast schlich sich heimlich, still und leise gegen Mittag von hinnen. Da hingen all die anderen Fracks, Smokings und Roben schon längst zum Auslüften auf dem Bügel – auch die drei Abendkleider, die der Höhepunkt der umjubelten Modenschau gewesen waren: „Casino“, ein Traum aus nilgrünem Nylonchiffon, „Aphrodite“ mit Goldmuschelstickerei und „Fata Morgana“ mit wallenden Ärmeln aus Nylonorganza.

Bereits ein Jahr später oblag die Organisation des gesellschaftlichen Großereignisses allein dem „Verein Lübecker Presse“. Während sich in der Nacht zum 1. Februar die Nordsee zur schwersten Sturmflut des 20. Jahrhunderts aufbäumte und an den englischen und niederländischen Küsten schwere Schäden anrichtete, feierte man an der Ostsee elegant und taktvoll. Fräulein Pfaff aus Scharbeutz gewann den Tombola-Hauptpreis, ein „Volkswagen-Kabriolett“. Und ausgerechnet Lübecks Bürgermeister Otto Passarge ergatterte den vom Senat gestifteten Silberbesteckkasten. Noch während Fortuna über ihren gelungenen Streich gelächelt haben mag, ließ Passarge den Gewinn zugunsten des Presse-Sozialfonds versteigern.

Kurz vor Beginn des Balls im Jahr 1954 erreichte die Organisatoren ein Telegramm: Hildegard Knef sagte ihr Kommen ab. Die Arbeit ließ der Schauspielerin keine Zeit. Sie pendelte gerade zwischen Hollywood und New York, steckte mitten in den Vorbereitungen für ihr Debüt am Broadway: „Die Knef“ sollte 1955 in dem Musical „Silk Stockings“ von Cole Porter die Hauptrolle übernehmen. Noch ein weiterer prominenter Gast kam an diesem Abend nicht an. Schauspielerin Ruth Niehaus war schon auf dem Weg nach Lübeck, als ihr Wagen auf der Autobahn streikte und partout nicht mehr mit sich reden ließ.

Die Tombola wurde zum emotionalen Höhepunkt der Ballnacht: Als Sonderpreis wurde unter besonders bedürftigen Spätheimkehrern eine Neubauwohnung verlost, die das Wohnungsunternehmen der Lübecker Gewerkschaften zur Verfügung gestellt hatte. Der glückliche, aber von der Kriegsgefangenschaft schwer gezeichnete Gewinner lag zu der Zeit noch in einem Krankenhaus in der Nähe von Göttingen.

Der Abend endete vollkommen gefahrlos für all jene, die das eine oder andere Gläschen zu viel getrunken hatten: Ein Fahrdienst stand bereit, damit niemand Ärger mit dem „gestrengen Paragraphen 315a“ bekam – der damals immerhin 1,5 Promille gestattete. Vorsichtshalber überreichte man den Gästen ihre alkoholhaltigen Tombola-Gewinne auch erst beim Verlassen des Festes. Auf der sicheren Seite waren ebenfalls jene Ballgäste, die im Kurhaus ausgenüchtert hatten und sich auf den Heimweg machten, als andere schon an der sonntäglichen Kaffeetafel saßen oder zum Nachmittagsspaziergang an die Promenade kamen. Leider war die Ballnacht bitterkalt gewesen, so dass viele Wagen nicht ansprangen. Die Spaziergänger amüsierten sich daher köstlich über Männer in Frack und Smoking, die einander die Autos anschoben. 1954 flogen noch etliche Frackschöße, erst beim Tanz, dann beim kräftezehrenden Auto-Anlassen. Doch der Smoking, viele Jahre lang lediglich bei Privatgesellschaften das angemessene Kleidungsstück, begann in den 50ern dem Frack auch bei formellen Abendveranstaltungen mehr und mehr den Rang abzulaufen.

Drehen wir nun ein wenig schneller am Rad der Presseball-Zeitreise, vorüber an Stargästen wie Horst Buchholz, Margot Eskens, Fliegerin Elli Beinhorn, Klettermaxe Armin Dahl und Gert Fröbe. Und werfen wir nur ein kurzes Schlaglicht auf Tombola-Gewinne wie das Grundig Radio Heinzelmann mit eingebauter Uhr, den dreiflammigen Gasherd oder die Reise zum Traumziel der 50er, die Insel Capri. Erwähnenswert sind noch drei prominente Tombola-Gewinner: Walter Dobschinski, 1956 als Chef der Rias-Tanzkapelle aus Berlin für die Ball-Musik zuständig, gewann ein Ghia-Karmann-Coupé und quittierte sein Losglück fassungslos mit den Worten „Nee, det haut den dicksten Mann vom Schlitten!“ Von Lübecks Kultussenatorin Dr. Luise Klinsmann ist ein solch hitziger Gefühlsausbruch nicht überliefert: Sie gewann am selben Abend einen Kühlschrank. Einen Zentner Eierbriketts schüttete Glücksgöttin Fortuna der Schauspielerin Inge Meysel vor die Füße. Da jedermann annahm, die Gewinnerin werde sich den Abtransport derselben nach Hamburg ersparen wollen, wurde schon erörtert, welche gemeinnützige Einrichtung in Travemünde sie wohl damit erfreuen würde. Doch Meysel, für ihre außerordentliche Sparsamkeit bekannt, ließ sich die Briketts nach Hause karren.

Ein wenig verweilen wollen wir beim Presseball des Jahres 1965. In etlichen Haushalten dürfte es im Vorwege Diskussionen um den festlichen Termin im Kurhaus gegeben haben, denn am selben Abend spielte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Qualifikation zur Fußball-WM 1966 gegen Zypern. Sieloff und Overath trafen jeweils zweimal, Strehl steuert das fünfte Tor bei. (Die Deutschen meisterten übrigens nach dem 5:0 auch den Rest der Qualifikation mühelos – um dann ein Jahr später im Finale in England den Gastgebern zu unterliegen und noch dazu in der 101. Minute das legendäre Wembley-Tor eingeschenkt zu bekommen.)

Lübecker Presseball Collage

Der 65er Ball begann zünftig mit einem Schießen der Herren auf der „Presse-Wies’n“. Hauptgewinne waren eine Orientbrücke und eine Hollywoodschaukel. Die Damen durften sich derweil ihre kleinen Gastgeschenke abholen: ein Paar Tilly-Strümpfe, ein Mainzelmännchen (Det und seine fünf Freunde hatten erst zwei Jahre zuvor im ZDF das Licht der Welt erblickt), Niederegger-Marzipan und ein Fläschchen „Schwarzer Kater“.

Die Gäste, unter ihnen Inge Meysel, Ilse Werner, Hanne Wieder, Neu-Travemünderin Lys Assia und das dänische Teenager-Idol Dorthe, ließen sich von fünf Tanzkapellen sowie einer besonderen Attraktion im Hotelschwimmbad unterhalten: Die Firma Karstadt hatte vier Bademodenschauen organisiert. Gleich zweimal im Verlauf des Abends und der Nacht schaltete sich das Zweite Hörfunk-Programm des NDR mit Reporter Hermann Rockmann dazu. Verwehrt blieb den Menschen am Radio der Anblick von aufsehenerregenden Roben: Hanne Wieder beispielsweise war „in etwas aufregend Mandarinfarbenem“ mit weißem Nerz über dem tiefen Rücken-Dekolleté erschienen. Als „aparteste Einzelgängerin“ des Abends hielt sie direkt an der Tanzfläche Hof, sorgte sich allerdings beständig, jemand könne auf den Spitzensaum ihres Kleides treten. Schließlich hatte die Schauspielerin das hautenge Modell mit ausfallendem Rock selbst entworfen. Sie war selbstredend auch nicht dabei, als das Ballpublikum ungehemmt Letkis tanzte, eine aus Finnland importierte Schlangenpolka „mit Außenschlenkerung des rechten und linken Beines“, wie es der sichtlich beeindruckte Ballberichterstatter zu umschreiben versuchte.

Kriminelle Elemente verschafften sich im darauffolgenden Jahr Zutritt zur rauschenden Ballnacht: Ober-Posträuber Michael Donegan, der erst zwei Monate zuvor in dem Fernsehdreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ bei dem Überfall auf einen englischen Zug Millionenbeute gemacht hatte, tanzte unbehelligt Twist und gab während der Rundfunkübertragung sogar den Reportern Hermann Rockmann und Dethard Fissen ein Interview. Stargast des Abends war natürlich der Schauspieler Horst Tappert, der noch voll in seiner Räuber-Rolle aufging und einer Dame an der Bar, die von ihm eine Pfundnote gewechselt haben wollte, schlagfertig antwortete: „Bedaure, aber ich kann zurzeit leider nicht an die Millionen heran.“

Trotz der Anwesenheit von prominenten Gästen wie Christiane Hörbiger, Henry Vahl und Corny Collins wurde eine bezaubernde Rauchwarenverkäuferin zum Gesprächsthema der Ballnacht. Das Mädchen mit den schönsten Augen des Abends verteilte in der Nacht zwischen 8 und 8 nicht nur 3000 Zigaretten und 75 Zigarren, sondern auch allerhand Körbe: Sie schlug jede Einladung zum Tanz aus und blieb auch bei wahrhaft einfallsreichem „Trinkgeld“ standhaft. Ein offenbar wenig romantisch veranlagter Verehrer verehrte ihr einen Kasten Bier…

Modisch brachen in den 60er Jahren neue Zeiten für den Presseball an: Während sich unter den Herren die Frack- und Smoking-Verweigerer noch einigermaßen dezent mit dunklem Anzug aus der Affäre zogen, waren unter den weiblichen Gästen immer mehr Mutige auszumachen, die dem konventionellen langen Abendkleid die kalte Schulter zeigten. Auf der einen Seite weiterhin Prunk und Pracht mit Samt, gewaffeltem Brokat, Seide und feiner Spitze, auf der anderen handgestickte Abendpullover, verwirrende Op-Art-Muster, Wild-Geblümtes, Hoch-Geschlitztes, an Strandanzüge oder Kittelschürzen Erinnerndes, schriller Batikdruck – und, oh ja, die ersten kurzen Röcke. 1966 wagten sich einige junge Damen im „ganz Kleinen“ auf den Ball. Außerordentlich erleichtert wurde registriert, dass die Minimalistinnen von Barhocker-Besteigungen Abstand nahmen. Dieses Manöver gelang drei Jahre später den Wenigen ganz problemlos, die als erste weibliche Ballgäste in Hosen erschienen waren. Ihr Auftritt verlor allerdings auch erheblich an Dramatik, weil sich ein Herr tatsächlich im kragenlosen Jäckchen aus Pelz blicken ließ…

Aus den 60ern ist der Besuch vieler weiterer prominenter Gesichter an der Ostseeküste zu vermelden. Ellen Schwiers feierte mit Hellmut Lange und E. F. Fürbringer sowie den Kolleginnen vom Ohnsorg-Theater, Heidi Kabel und Heidi Mahler. Bei den Bademodenschauen sorgten Schock-Töne für Aufsehen. ZDF-Ansagerin Ute Zingelmann gewann bei der Tombola ausgerechnet eine Fernsehantenne, Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel einen Teewärmer und Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Gerhard Gaul eine Industrieaktie. Für 20 Mark wechselte 1969 ein Paar gebrauchter Hosenträger seinen Besitzer. Ein Kellner half so einem in Verlegenheit geratenen Gast, der wegen seiner auf Abwegen befindlichen Smokinghose nie die Hände frei hatte für seine Begleiterin oder ein Getränk.

Bei der Haarmode gingen die 60er Jahre mit einer allumfassenden Verjüngungskur zu Ende. Ein Gast merkte lakonisch an: „Seit es die künstlichen Locken gibt, sehen von hinten alle aus wie 18.“ Dass derartige Frisuren auch Risiken bergen, erwies sich, als ein Tänzer bei temperamentvollen Rhythmen plötzlich ein fremdes Haarteil in der Hand hatte. Trotz eifrigen Bemühens war die Besitzerin nicht auszumachen, von einem Haarfarben-Vergleich wurde abgesehen.

Das Balljahrzehnt endete zudem mit einem ausgelassenen Tanz neben der Bar, bei dem einige übermütige Herren nicht ihre Begleiterinnen im Kreis drehten, sondern einen zentnerschweren Biertisch. Zu ihrer Ehrenrettung sei angemerkt, dass keine Scherben zu beklagen waren. Aber sicherheitshalber wurden angesichts der 725 ausgeschenkten Liter Lück-Bier auch 1200 Tassen Mokka serviert, um alle Gäste wieder ein wenig zu erden. Für den einzigen bemerkenswerten Sachschaden in der Ballgeschichte sollte übrigens wenige Jahre später der Schauspieler Karl Lieffen sorgen: Bei einem Streitgespräch über den Neubau des Travemünder Maritim, den er für eine wahre Schande hielt, redete sich der Mime derart in Rage, dass der Tisch, auf den er sich gesetzt hatte, unter ihm zusammenbrach.

Beim Presseball 1971, der gleichzeitig Lübecks bestbesuchter Tanz in den Mai war, kam es zu einem brisanten politischen Zusammentreffen. Nur fünf Tage nach der Landtagswahl stießen im Kurhaus der schleswig-holsteinische Ministerpräsident in spe, Dr. Gerhard Stoltenberg, und der Wahlverlierer, SPD-Landesvorsitzender Joachim Steffen, erneut aufeinander. Obwohl nur zwei Tische voneinander entfernt platziert, nahm man kaum Notiz voneinander. Stoltenberg war ein gern gesehener Gast beim Presseball, fungierte jahrelang als Schirmherr der Veranstaltung und gewann bei einem seiner vielen Besuche einen nicht alltäglichen Tombola-Preis: eine Sitzung mit dem Kunstmaler und Bilderfälscher Lothar Malskat, der den Politiker portraitieren sollte.

Für Aufsehen sorgte 1971 eine junge Ballbesucherin, die in Hot-Pants aus Satin erschienen war und ihre gewagte Beinfreiheit nur unzureichend mit einem Tüll-Rock verschleiert hatte. Das Mädchen fühlte sich aber, so notierte eine aufmerksame Beobachterin, offensichtlich nicht ganz wohl in ihrer hinreichend zur Schau gestellten Haut: „Man musste Mitleid haben bei so viel Reue über den eigenen Mut“, merkte die Journalistin des Hamburger Abendblattes an, die sich auf einer Sonderseite den modischen Aspekten des festlichen Treibens an der Ostsee gewidmet hatte.

Auch in den 70ern trug der Lübecker Presseball eine beträchtliche Promi-Gästeliste zusammen: Regisseur Jürgen Roland plauderte mit Johanna von Koczian, Thomas Fritsch und Edgar Bessen fachsimpelten mit ihren Kolleginnen Ursela Monn und Judy Winter. Marika Rökk erschien einmal im „Nachthemd“ – sie schien ihren spontanen Kleiderkauf am Vormittag schon abends herzlich zu bereuen. Nadja Tiller und Freddy Quinn gaben liebenswürdig Autogramme, Ruth-Maria Kubitschek verband ihren Ball-Besuch mit einem ausführlichen und kostspieligen Bummel durch Lübecks Antiquitätenläden. Wolfgang Kieling tanzte mit Kollegin Monika Gabriel und Filmbösewicht Horst Frank wusste nicht so recht, ob er sich über die soeben gewonnene Schwimmweste freuen sollte. Er wurde aber wenigstens nicht so sehr belächelt wie einige Jahre zuvor Lübecks Bürgermeister Max Wartemann, der einen Rettungsring an Land gezogen hatte und sich den ganzen Abend lang blöde Witzchen über die Finanzen seiner Stadt anhören musste.

Lübecker Presseball Collage

Modisch setzte sich bei den Damen der Trend zu tieferen Dekolletés durch. Ein sicherheitshalber anonym gebliebener „Kavalier“ quittierte das ebenso wohlwollend wie garstig: „Die es vorne nicht tragen können, haben es hinten.“ Die Herren konterten das Mehr an Ausschnitt beim reizenden Gegenüber mit tollkühnen Samt-Brummern unterm Kragen: knallgelbe, giftgrüne oder krasslila Fliegen kamen – und gingen zur Erleichterung vieler auch wieder. Der Trend zu weißen Dinnerjackets vermochte sich ebenfalls nicht so recht durchzusetzen: Deren Träger wurden zu häufig mit den Kellnern verwechselt…

Zum Stammgast avancierte ein Ballbesucher aus Ratzbek, nachdem er in zwei aufeinanderfolgenden Jahren bei der Tombola einen Solitär-Brillantanhänger, eine Reise nach Israel und eine nach Gran Canaria gewonnen hatte. Doppelter Gewinner war auch Schleswig-Holsteins Justizminister Henning Schwarz, dem seine Lose gleich bei zwei Bällen eine Marzipantorte bescherten. Während er die erste noch allein mit seiner Frau verspeiste und den Kindern ihren Anteil vorenthielt, sollte beim zweiten Mal gerecht geteilt werden. Denn leider hatten die Kinder nach der ersten Torte aus der Zeitung erfahren, was ihnen entgangen war und den Eltern ordentlich die Meinung gegeigt.

Ebenfalls für Aufsehen sorgten die Gewinne des Preisschießens 1978, bei dem auch Damen zugelassen waren: Der Schützenkönig ging mit einem Abendkleid nach Hause, die treffsicherste Amazone schulterte einen Holsteiner Schinken. Das Aufweichen der Geschlechtergrenzen bedauerte zumindest ein versierter Schütze, der bei seinen Versuchen kolossal danebenzielte, während seine im Schießen gänzlich unerfahrene Gattin mitten ins Schwarze traf. Es ist nicht überliefert, ob für dieses Paar die Ballnacht nach erlittener Schmach vorzeitig endete.

Geballte Sangeskraft versammelte sich 1982 im Kurhaus mit den Gästen Lena Valaitis, Mary Roos und Peter Petrell. Die Bilanz des Abends: Pump- und Haremshosen sowie Stirnbänder setzten bei den Damen modische Akzente, ein Gast konterte mit bayrischem Trachtenanzug. 62 Kellner und 17 Büfett-Damen reichten 1400 Smörrebröde, 400 Paar Weißwürste, 7000 Liter Getränke, 800 Pizza-Snacks und 400 Berliner Ballen. 25 fleißige Helfer hatten drei Tage lang die Säle geschmückt, 15 von ihnen und acht Putzkräfte beseitigten in nur einer Nacht die zertanzten Reste.

Am 23. Mai 1987 holte der HSV mit seinem 4:1-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf wichtige Punkte auf dem Weg zur Vizemeisterschaft (der FC Bayern München sicherte sich schließlich mit sechs Punkten Vorsprung seinen dritten Titel in Folge). Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher warb in der Abrüstungsdiskussion erneut für die doppelte Null-Lösung bei den Mittelstreckenwaffen, die UdSSR stellte nach weltweiten Protesten den Walfang ein. Und der Lübecker Presseball zog um: Fortan wurde ein paar Meter die Promenade hoch gefeiert, im Casino. Zur Premiere begrüßte der Präses des Vereins Lübecker Presse, Kuno C. M. Peters, unter anderem die Schauspieler Heidi Brühl, Witta Pohl, Friedrich Schütter und Evelyn Harmann. Blickfang im Casino-Saal war ein Blumenball, der unter der Jugendstil-Decke schwebte.

Lübecker Presseball Collage

Viele weibliche Gäste hatten sich bei ihrer Kleiderwahl von Darstellerinnen der TV-Reihe „Denver Clan“ inspirieren lassen. Sie erschienen wie das Serien-Biest Alexis Colby in hautengen Schlauchkleidern mit hohem Seitenschlitz, an der Rückfront wahlweise mit tiefem Ausschnitt oder Riesenschleife. Manche Herren hielten mit kurzen Liftboy-Jacken modisch dagegen. Ein Teil des Ball-Reinerlöses kam, ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen in Calgary, der Stiftung Deutsche Sporthilfe zugute.

Morgens noch bei Filmproben am Wörthersee, abends Stargast beim Presseball: Roy Black erfüllte 1991 bei seinem Auftritt auch einen Liederwunsch von Bürgermeister Michael Bouteiller. Strahlender Mittelpunkt und First Lady des Abends aber war Kanzlergattin Hannelore Kohl, die eine Spende für ihr „Kuratorium ZNS für Unfallverletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems“ entgegennahm. Klaus J. Groth, Präses des Vereins Lübecker Presse, überreichte ihr einen Scheck in Höhe von 25000 Mark für die Rehabilitationseinrichtungen. Über die Gala-Nacht und vor allem die schönen Kleider in „strahlendem Kobaltblau, alarmierendem Knallrot und metallischem Grün“ berichteten die LN tags darauf erstmals in Farbe.

Nach insgesamt 46 Pressebällen in Travemünde traf man sich 1997 zum Kehraus im Casino. Weil der Verkauf des Hauses abzusehen war und für den Verein Lübecker Presse keine Planungssicherheit mehr bestand, wurde am 26. April Abschied gefeiert. Den herzlichsten Empfang aller Zeiten bereiteten man dem Ehrengast des Abends, Uwe Seeler. Er verzog sich im Laufe des Abends zum Männertratsch mit seinen Freunden Gregor Wintersteller (Juwelier Mahlberg) und Günter Willumeit alias „Bauer Piepenbrink“ in eine stille Ecke. Später schunkelten sie gemeinsam zu Liedern des Passat-Chors. Dessen Auftritt war ein Dank für die Presseball-Spende an den Verein „Rettet die Passat“ für die damals anstehende millionenschwere Restaurierung der Viermastbark.

Ein Mannschaftswagen der Polizei wäre das passende Transportmittel für die Darsteller des „Großstadtreviers“ gewesen: Wegen eines abendlichen Drehtermins trafen Jan Fedder, Til Demtröder und Andrea Lüdtke erst spät ein, waren dann aber auch gegen 5 Uhr auch die letzten Gäste im Night-Club.

Bevor die schöne Tradition des Lübecker Presseballs gänzlich in Vergessenheit geraten konnte, wurde nach vierjähriger Pause mit dem Rathaus ein neuer Veranstaltungsort gefunden. An den in Öl porträtierten, perplexen Vorgängern von Bürgermeister Bernd Saxe defilierten am 5. Mai 2001 die Gäste vorbei. Der Bürgerschaftssaal wurde unter Laserlicht zum Tanzschuppen, der Ratskeller mutierte zum Roulette-Keller, im Audienzsaal spielte das „Johann-Strauß-Ensemble“ klassisch auf. Stadtpräsident Peter Oertling, der gemeinsam mit Bürgermeister Saxe die Schirmherrschaft übernommen hatte, freute sich über den Ball an neuem Ort: „Unser Rathaus erstrahlt für eine Nacht in neuem Licht.“ Und böse Zungen, die zuvor die Notwendigkeit einer Komplett-Sanierung der alt-ehrwürdigen Räume nach der Feier befürchtet hatten, verstummten angesichts nur kleinerer Kratzer schnell.

Nach genau 50 Jahren stattete mit Henry Maske wieder ein ehemaliger Box-Weltmeister dem Lübecker Presseball einen Besuch ab. Sein Vor-Vor-…Gänger Max Schmeling konnte nicht mehr selbst nach Lübeck kommen, schickte aber ein rührendes Grußwort ins Rathaus. Neben dem Boxen gab es an diesem 4. Mai 2002 ein weiteres wichtiges Sport-Thema: Nur wenige Stunden zuvor war Borussia Dortmund in einem Herzschlag-Finale nach dem 2:1-Sieg gegen Werder Bremen Deutscher Meister geworden.

2004 übernahm Wolfgang Schierenbeck das Amt als Präses des Vereins Lübecker Presse von seinem Vorgänger Uwe Freise. Zum 50.Jubiläum zog das Großereignis auf Betreiben des neuen Chefs um ins Theater Lübeck. Die Bestuhlung im Großen Haus wurde komplett überbaut, ein opulenter Ballsaal geschaffen. Der Kronleuchter aus dem „Rosenkavalier“, die Spaliere aus „Figaros Hochzeit“: Ausstattungsleiter Michael Goden konnte angesichts der Requisiten-Fülle und seiner 70 Theater-Mitarbeiter bei der Gestaltung der Räume aus dem Vollen schöpfen.

Zu einem besonderen Erlebnis wurde der Ball für Ursula (82) und Rico Monte (88): Das Ehepaar, das sich 1946 in der Hansestadt kennengelernt hatte, feierte selbst 50.Balljubiläum, verpasste in all den Jahren nicht einen Tanz. 1955 als Operettentenor selbst auf der Ballbühne einer der umjubelten Programmpunkte, blieb Monte mit seiner Frau der Veranstaltung immer treu. Die war häufig ein wahres Heimspiel, denn jahrelang fuhren die Montes an den wechselnden Locations mit dem eigenen Wohnwagen vor.

Vom charmanten Ambiente des Jugendstil-Hauses an der Beckergrube ließen sich auch prominente Gäste wie Frank Zander, Schnellzeichner Oskar Bierbrauer, Lys Assia, FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, Schauspieler Otto Sawicki, der damalige Innenminister Ralf Stegner, Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Sportmoderatorin Monica Lierhaus bezaubern. Modisch stellte der Ball für viele Besucher immer noch eine Herausforderung dar. Ein weiblicher Gast kam in wunderschönen High-Heels – und hinterlegte Turnschuhe an der Garderobe: „Für den Notfall, wenn ab 3Uhr gar nichts mehr geht.“ Spaßmacher Frank Zander räumte ein, „vor dem Spiegel eine halbe Stunde lang an dem Ding rumgepopelt“ zu haben und meinte damit seine silbrig glitzernde, aber eben ziemlich widerborstige Fliege. Im „Notanzug“ musste einmal Rechtsanwalt Joachim Hess, Vize im Verein Lübecker Presse, antreten: Sein Frack war urplötzlich und vollkommen unerwartet im Schrank hängend „eingelaufen“.

2010 vollzog der Lübecker Presseball seinen bislang letzten Ortswechsel: Veränderte finanzielle Vorstellungen der Theaterführung hatten eine Neuorientierung notwendig gemacht, die Veranstaltung setzte einmal über die Trave über ans andere Ufer und residiert seitdem im Radisson Blu Senator Hotel. Der ehemalige Sponsor und Partner der Gala-Nacht wurde also zum Gastgeber und öffnet bis heute alle Türen für das Ballvergnügen.

Nach der gelungenen Premiere freute man sich schon ein Jahr später über folgende Ball-Bilanz: 812 Gäste bedeuteten ausverkauftes Haus; 120 Mitarbeiter im Einsatz; 155 freiwillige Helfer; 3200 Liter Getränke ausgeschenkt („Aperol Spritz“ war das Trend-Getränk des Abends); 6000 Gläser perfekt poliert serviert; 5000 Teller und 9000 Besteckteile im Umlauf; 94 Meter Büfett mit 72 verschiedenen Speisen; 400 Tombola-Gewinne im Wert von fast 50.000 Euro verteilt; 99 beteiligte Partner-Firmen gefunden. Zu den freundlichen Partnern gehörte auch ein Freund von Radisson-Küchendirektor Wolfgang Meistes, der ihm für die ebenso köstliche wie monströse Mortadella extra seine Schneidemaschine geliehen hatte.

Der Presseball war anfangs als Hilfsaktion für in Not geratene Schauspieler und Journalisten gedacht, die während ihrer Berufstätigkeit nicht ausreichend hatten vorsorgen können für die Zeit als Ruheständler. Traditionell gewährte die Mehrzahl der Verlage und Theater auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Angestellten keine Pension. Spätestens durch die rasante Inflation der Jahre 1914 bis 1923 waren viele der ohnehin schlecht bezahlten Redakteure und Künstler nicht mehr in der Lage, aus eigenen Mitteln eine ausreichende Altersversorgung aufzubauen. Ihnen unter die Arme zu greifen, war das erklärte Ziel der ersten Pressebälle.

Die Philosophie des gemeinnützigen „Vereins Lübecker Presse“ (VLP) lautet zwar immer noch „Fröhlich feiern – leise helfen“, doch heute unterstützt sein Sozialfonds nicht mehr nur in Not geratene Kollegen und ihre Familien, sondern verschiedenste Hilfsorganisationen und karitative Einrichtungen auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. Vor der Haustür sind es beispielsweise das Projekt Hanseschiff und die Leselernhelfer des Vereins Mentor. Aber auch Unicef, die Uwe Seeler Stiftung für Menschen in Not und der Weiße Ring profitierten schon von Spenden des VLP. Bei all den fröhlichen Pressebällen kamen bisher 3 Millionen Euro zusammen.

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